Wassertropfen

Der lange Weg zum guten Wasser

(vom 28.03.2011)

100 Jahre Stadtwerke Meinerzhagen / Engagement zum Wohle des Bürgers

Meinerzhagen (im März 2011) - In Deutschland kümmern sich mehr als 600 Städte und Gemeinden um ihre Energie- und Wasserversorgung selbst. Vor allem bei der Versorgung mit Trinkwasser, dem wichtigsten Lebensmittel, sind die Kommunen stark. In Meinerzhagen kann die zentrale Wasserversorgung jetzt auf ein ganzes Jahrhundert zurückblicken. Bei der Gasversorgung ist es etwa ein halbes. 

In der Zeit vor dem Bau der ersten zentralen Wasserversorgung im Jahr 1911 gab es einige markante Begebenheiten, die aus wasserwirtschaftlicher Betrachtung prägend waren. Ein Blick in Archive und Akten fördert somit auch viel Spannendes und manch Menschliches zutage.

So hatte bereits nach dem Großbrand von 1770, der den Ostteil der Stadt in Schutt und Asche legte, ein Vertreter der preußischen Regierung den Bau von acht Brunnen auf der Hauptstraße, am Friedhof und am Markt vorgeschlagen, um die Versorgung mit Löschwasser - und nebenbei die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser - sicherzustellen. Auch wenn fünf davon gebaut wurden, der Mangel an Löschwasser war auch beim nächsten großen Brand von 1797 ein Problem. Der Hausbrunnen blieb das Rückgrat der Meinerzhagener Wasserversorgung. Erst ein knappes Jahrhundert später fanden sich 30 Familien zusammen, bauten eine Quellfassung, errichten einen Behälter mit 14 Kubikmeter Fassungsvermögen und verlegten ein kleines Leitungsnetz. Nach dem Vorbild der „Wassergemeinschaft Oberdorf" wurden bis zum Beginn des 20.Jahrhunderts weitere private Versorgungsgemeinschaften gegründet. Doch Wasser blieb ein knappes Gut. Im Paragraf 8 ihrer Satzung schrieben die Oberdorfer Wassergenossen: "Das Wasser darf nicht zum Klosettspülen und Baden benutzt werden. Ebenso ist bei auftretendem Wassermangel das Begießen in Gärten und Rasenplätzen nicht gestattet." Kaum zu glauben, in Meinerzhagen herrschte vor 100 Jahren akuter Wassermangel. Versuche der Gemeinde, die privaten Versorgungssysteme aufzukaufen und zu einem Gesamtsystem auszubauen, scheiterten. Gemeindevorsteher Hedfeld und die damaligen zehn Gemeindeverordneten gingen in die Offensive: „Die Gemeindevertretung hält die Anlage einer Central-Wasserleitung für ein Bedürfnis und beschließt die Bauausführung zu gewährleisten".  

Doch eine Leitung benötigt auch Wasser. „Alte Leute," so Hedfeld in seinen Memoiren, „wollten wissen, dass der Immeckebach an der Quelle unter der Rothensteiner Leye auch bei dem trockenstem Wetter ausreichend Wasser abgegeben habe." Die bis 1910 ausgearbeiteten Planungen sehen vor, das Wasser aus den Quellen von Immeckebach und Lister oberhalb Willertshagen zu sammeln, in einem Behälter zu speichern und über eine Leitung entlang der heutigen B54 in die Stadt zu leiten. Die Kosten betragen 60.000 Mark, ein Viertel will der preußische Staat übernehmen, den Rest die Gemeinde. 

Beinahe wäre die Gemeinde in eine tragische Fehlinvestition geschliddert. Das Quellgebiet unter der Rothensteiner Höhe fiel im Dürrejahr 1911 trocken. Es folgte eine hektische Wassersuche an den verschiedensten Orten. 324 Haushalte mit exakt 1.576 Personen sehnten die angekündigte zentrale Wasserversorgung herbei. Schließlich die Lösung: Die Volmequelle und die Fläche unter der Talbrücke. Wasser gab es genug, Moorboden und Sandschichten bildeten einen natürlichen Filter und garantierten eine gute Qualität. Aber die Eigentümerin wollte das ihr gehörige Grundstück zunächst nicht verkaufen. Der Landrat ordnete daraufhin die Enteignung im öffentlichen Interesse an, doch die Eigentümerin klagte beim Landgericht Hagen dagegen und das Gericht sprach ihr eine entsprechende Entschädigung zu. Noch vor Abschluss des Gerichtsverfahrens konnten die Bauarbeiten beginnen. Neu verlegte Sickerleitungen sammelten hinreichend Wasser in der Quellfassung. Der Hochbehälter am Eickenhahn sorgte für einen sicheren Vorrat und über die neue „Central-Leitung" floss das Wasser mit natürlichem Gefälle in den Ort. Erst 1914 waren alle Arbeiten abgeschlossen, doch das turbulente Jahr 1911 ging mit Fug und Recht als Geburtsstunde der zentralen öffentlichen Wasserversorgung in die Stadtgeschichte ein. 

Bis 1934 reichten die Anlagen aus, um die gesamte Ortschaft zu versorgen. Doch dann machten neue, höhergelegene Baugebiete eine Erweiterung der Sammelbrunnen und den Bau einer Druckleitung zum neuen Hochbehälter auf dem Volmekopf notwendig. 1939 kam der Hochbehälter Schwenke und ein Jahr später die Pumpstation Sinderhauf hinzu. So kam man über den zweiten Weltkrieg. Der starke Zustrom von Vertriebenen, das starke Bevölkerungswachstum und das Wirtschaftswunder nach dem Krieg führten die Wasserversorgung schnell an ihre Grenzen. Erneut wurde fieberhaft nach Alternativen gesucht. Schließlich erklärte sich der Ruhrtalsperrenverein bereit, pro Jahr bis zu 1,2 Millionen Kubikmeter Wasser aus der Fürwiggetalsperre zu liefern. Die Talsperre liegt auf Meinerzhagener Stadtgebiet und war eine der ersten Stauwerke, die an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert errichtet wurden, um den Wasserstand der Ruhr zu verstetigen. Zudem war die Fürwiggtalsperre mit ihrer guten Wasserqualität für die Trinkwassergewinnung wie geschaffen. Unterhalb der Staumauer entstand ein Wasserwerk, das die Aufbereitung des Talsperrenwassers zu Trinkwasser übernahm.

Die Zeit des deutschen Wirtschaftswunders sorgte auf allen Feldern für euphorische Zukunftsannahmen, auch beim Wasserbedarf. 1971 betrug der Wasserbrauch in Meinerzhagen knapp 1,3 Millionen Kubikmeter, bis 2000, so die damaligen Schätzungen, würde sich die Menge nahezu verdreifachen. Ein neuer Liefervertrag mit dem Aggerverband sollte Zukunftssicherheit herstellen. Doch niemand ahnte, wie sparsam Menschen und Wirtschaft heute mit dem Lebensmittel Trinkwasser umgehen. Durch die so nicht eingetretene Verbrauchssteigerung verfügt Meinerzhagen heute über ausreichende Wassermengen und eine sehr sichere Wasserversorgung auf zwei Standbeinen.

Beinahe hätte die Geburtsstunde der Gasversorgung in Meinerzhagen noch vor der der Wasserversorgung geschlagen. Bereits 1901 legte das Hagener Acetylenwerk der Gemeindeverordnung einen Plan vor, der im Abstand von 40 Metern insgesamt 50 Gaslaternen auf der Hauptstraße und einigen anderen Wegen vorsah. Das für den Lampenbetrieb erforderliche Gas sollte in Meinerzhagen aus Steinkohle gewonnen werden. Die Versorgung der Haushalte mit Gas zum Kochen und Beleuchten war angedacht. Doch die Pläne blieben unverwirklicht. Stattdessen baute Otto Fuchs 1927 die erste Gaserzeugungsanlage für den eigenen Betrieb. Die Anlage war bis 1955 in Betrieb, ein Jahr zuvor wurde das Werk an das Ferngasnetz angeschlossen, über das Gas aus dem Ruhrgebiet herantransportiert wurde. Auch andere Meinerzhagener Unternehmen nutzen die neue Energie. 1963 begann die Verlegung von Gasleitungen im Stadtgebiet zur Versorgung der Haushalte und des Gewerbes. Jetzt floss Erdgas aus Norddeutschland und den Niederlanden, später aus Norwegen und Russland durch die Leitungen. Heute ist Erdgas die wichtigste Wärmeenergie im Stadtzentrum von Meinerzhagen.  

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